Die erste Regel für eine Offene Beziehung lautet: Es gibt keine erste Regel.

Denn es gibt so viele unterschiedliche Bedürfnisse und Lebensumstände, wie Menschen auf der Welt. Jeder davon hat ein anderes Bedürfnis nach Sicherheit, Information, Kontrolle und Freiheit.

Reißerische Ratgeber wie ‘mit diesen xx Regeln funktioniert Deine offene Beziehung hundertprozentig’ können also gar nichts bringen.   Im Gegenteil: die Regeln für jede Art von Beziehung, ob monogam oder offen, sind frei verhandelbar. Und zwar zu jedem Zeitpunkt neu verhandelbar.

Geänderte Umstände wie Krankheiten, Schwangerschaft oder Fernbeziehung können ein Nachjustieren erforderlich machen. Von Zeit zu Zeit mal hinsehen, ob man noch gemeinsam in die gleiche Richtung geht, lohnt sich aber immer.

Foto von Redd Angelo via unsplash.com

Sicherheit oder Vermeidungsstrategie?

Zu eng gesetzte Regeln (‘sie darf nur Dates am Donnerstag haben, wenn ich Blockflötenkurs habe, damit ich nie allein daheim bin’,… ‘wir haben nur gleichzeitig Dates, damit keiner sich benachteiligt fühlt’,… ‘niemand darf jemals die Nacht mit einer anderen Person verbringen’,… ‘wir haben nur Sex ohne Gefühle, Verlieben ist verboten’) können jedoch versteckte – und manchmal reichlich unrealistische – Vermeidungsstrategien sein.

Sie geben einem die Illusion von Sicherheit – rauben aber auch die Möglichkeit der Entwicklung. Wie soll man seine Ängste überwinden, wenn man sich ihnen nicht stellt?

Braucht die offene Beziehung Regeln?

Wie locker oder streng auch immer: Die Vereinbarungen, Maßstäbe oder Richtlinien anderer Paare können eine Anregung sein für die eigenen ersten Gedanken und Schritte. 

Mein Freund und ich kamen von vornherein gar nicht auf die Idee, ein detailliertes Regelwerk auszuarbeiten. Ganz im Gegenteil sind wir sogar ziemlich ohne Regeln gestartet. Vielleicht, weil unser Vertrauen nach 15 Jahren auf einer breiten Basis steht. Das hat zwar das ein oder andere Mal kräftig geruckelt, aber was man aus dem Leben lernt, das sitzt dafür richtig.

Unsere bisherigen Erfahrungen lassen sich eindampfen auf folgende

5 Tipps aus dem Alltag unserer offenen Beziehung

1. Ehrlichkeit:

Wann bin ich wo mit wem? Dazu gehört auch, rechtzeitig Bescheid zu geben, wenn man ein Date hat. Damit nehme ich die Pläne und die Zeit meines Partners ernst. Außerdem erzählen wir uns, mit wem wir Sex haben – und mit wem einfach nur einen netten Cocktailabend.

Was fühle ich für diese Person? Als eine Affäre meines Partners unglücklich endete, konnte ich seine Niedergeschlagenheit und Schweigsamkeit besser verstehen, da er etwas für ihn Wichtiges verloren hatte. Nicht zuletzt gibt man sich so die Möglichkeit, sich Trost zu geben und auch wieder gegenseitig aufzubauen.

Wenn man seine Gefühle verheimlicht, kann es im anderen den Eindruck erwecken, die Kontrolle zu verlieren. Das macht Angst. Habe ich etwas auf dem Herzen oder plane etwas im Geheimen, sollten ohnehin alle Alarmglocken schrillen. Setz Dich lieber gleich damit auseinander, warum Du verheimlichen willst. Es kommt nämlich vor, dass Deine Bedenken unbegründet sind, und der Partner gar kein Problem mit Deinen Plänen oder Gedanken hat. Andersherum kann es vorkommen, dass etwas ein Problem für den Partner darstellt, wo man es gar nicht vermutet hätte. Deshalb: reden, reden, reden – lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig.

2. Unseres bleibt unseres:

Wir haben als eher urbane Menschen unser Lieblingscafé, unsere Lieblingsbar – manche Paare haben vielleicht versteckte Geheimplätze in der Natur, die mit einem schönen gemeinsamen Moment verbunden sind. Man teilt seit Jahren eine Sportart zusammen, oder verbringt komme was wolle jeden Montag Abend mit zwei Folgen der Lieblingsserie und einer großen Tüte Chips auf dem Sofa.

Solche – auf den ersten Blick banale – Rituale geben jeder Beziehung Stabilität und pflegen die Verbundenheit. Sie definieren die Beziehung mit, und sollten grundsätzlich dem Partner vorbehalten bleiben. Natürlich spricht nichts dagegen, das alles auch mit einer dritten Person zu teilen – aber es ist fair, den Partner vorher um Zustimmung zu bitten.

3. Werde zum Experten für Verhütung und Schutz:

  • Informiere Dich über die potentiellen Risiken von Sexpratiken.
  • Informiere Dich über sexuelle Krankheiten und Ansteckungsformen (oral, vaginal, anal…).
  • Verzichte eventuell auf bestimmte sexuelle Praktiken außerhalb der Beziehung.
  • Überlege Dir, ob Oralverkehr mit Kondom oder die Verwendung von Lecktüchern/Frischhaltefolie für Dich in Frage kommen.
  • Im Fall einer unerwarteten Schwangerschaft – wie würdest Du reagieren?
  • Kondome können reißen. Informiere Dich deshalb über die “Pille danach”.
  • Lass Dich regelmäßig auf sexuell übertragbare Krankheiten testen. Es geht nicht nur um Deine eigene Gesundheit – Du hast auch jedem Deiner Partner gegenüber eine Verantwortung. In München bietet das Referat für Gesundheit und Umwelt kostenfreie und anonyme Tests auf die wichtigsten Geschlechtskrankheiten an und berät auch über Übertragungswege und Schutzmöglichkeiten.
  • Und auch hier gilt: Redet über Eure jeweiligen Grenzen und stimmt Euch ab.

4. Respektiert Euch:

“Wenn man Sex mit anderen will, muss doch in der Beziehung was schieflaufen”.  Hinter dieser verbreiteten Meinung steckt die Erwartung, dass mein/e Partner/in mir alle Bedürfnisse erfüllen muss. Und er/sie gefälligst keine Bedürfnisse zu haben hat, die ich nicht erfüllen kann. Klingt ganz schön verkrampft, oder? 

Wie wäre es stattdessen mit einer entspannteren Sicht: jeder von uns hat sein eigenes Leben. Jeder von uns ist eigenständig. Es ist schön, einen Teil des Lebenswegs gemeinsam zu gehen. Aber indem ich meinem Partner Freiheiten lasse, gestehe ich ihm auch zu, ganz eigene Erfahrungen zu machen, daraus zu lernen und zu wachsen. Das fühlt sich am Anfang komisch an, weil wir in der Regel anders konditioniert sind. Aber es lohnt sich, schwere Gefühle auch mal auszuhalten und festzustellen, wie sie sich nach und nach ändern. Aus Respekt vor dem anderen.

5. Don’t fuck the pack:

Finger weg von gemeinsamen Freunden und Kollegen… braucht wohl keine Erläuterung, oder??

Zum Schluss noch einige hilfreiche Links zum Weiterlesen:

Über ‘Grundrechte in Beziehungen’:
(The Relationship Bill of Rights)
http://beziehungsgarten.net/blog/tag/regeln (deutsch) bzw.
https://www.morethantwo.com/relationshipbillofrights.html (englisch)

Buchtipp:
Schlampen mit Moral – Eine praktische Anleitung für Polyamorie, offene Beziehungen und andere Abenteuer

Außerdem geholfen haben mir:
https://www.anders-lieben.de/offene-beziehung/
http://beziehungsgarten.net/blog/10-realistische-regeln-fuer-gute-offene-beziehungen