“Wie kannst Du nur? Das ist ja der völlige Abturner! Bei mir würde er dafür eine schallende Ohrfeige kassieren!” – (Dieser Text enthält explizite Beschreibungen und ist für Leser unter 18 Jahren ungeeignet.) Meine Freundin Claudia schaut mich entsetzt an, als sie mir diesen Satz ins Gesicht schleudert. Oops, da hatte ich wohl mit meinem Bericht von letzter Nacht mitten in ihre sexuelle Blacklist getroffen. Und wieder mal eine leidenschaftliche Debatte darüber eröffnet, was ‘normal’ ist und was nicht.    Eigentlich will ich mit Claudia einen entspannten Nachmittag im Café verbringen. Doch dann schlüpft mir diese Behauptung über die Lippen:

Vorspiel ist total überbewertet!

Spontaner und schneller Sex ohne langsames Heißmachen. Was ich mir früher nie vorstellen konnte, ist zur Zeit das, was mich am meisten anmacht. Mitten in der Nacht oder früh am Morgen von ihm geweckt werden, indem er mir seine kräftige Morgenlatte erst mit der harten Eichel und nach etwas Hin und Her schließlich zielstrebig bis zum Anschlag von hinten in die Pussy schiebt.

Manchmal werde ich auch kurz vorher wach und merke, dass er lautlos zum Gleitgel greift, um seine Tat vorzubereiten. Dann stelle ich mich absichtlich schlafend, vor Vorfreude bebend, nur um den folgenden Moment mit allen Sinnen zu genießen.

Warum gefällt mir Sex ohne Vorspiel so gut?

Dass meine Vagina noch im (Halb-) Schlaf ist und sich jede Berührung doppelt so intensiv, sein Schwanz sich doppelt so groß anfühlt. Dass ich sein Begehren so unmittelbar zu spüren bekomme. Und ein wenig auch das bedingungslose Benutzt-Werden.

Ist jetzt in Zeiten von #metoo nicht gerade schlagzeilenkompatibel, entspricht aber nunmal meiner Neigung. Eine Umfrage unter 574 joyclub-Usern ergab: 66 % aller Befragten würden ihren Tag am liebsten immer so starten. Weitere 18,3% haben es noch nie probiert, wären einem Versuch gegenüber aber aufgeschlossen. Nur eine kleine Randgruppe von 5,1% bekennt sich zum Morgenmuffeln und will morgens definitiv erst mal in Ruhe wach werden; für 4,2% gehört das Vorspiel generell zum Sex dazu.

Ich bin damit also keineswegs allein!

Doch meine Freundin Claudia ist anderer Meinung:

Kein Sex ohne Vorspiel!

Lange Blicke. Flüchtige Berührungen. Küssen. Streicheln. Kitzeln oder Kratzen. Eine Kissenschlacht, hysterische Lachkrämpfe, ein sich daraus entwickelnder Ringkampf zwischen den Laken. Lecken und Saugen und mit den Zähnen knabbern. Vielleicht auch ein inszeniertes Rollenspiel, Fesseln oder Arschversohlen.   Das Vorspiel kann viele Gesichter haben. Eins haben sie alle gemeinsam: 

Ein wirklich gutes Vorspiel beginnt im Alltag.  

Denn weibliche Lust ist kein Schalter oder Drehregler, den man kontrolliert von 0 auf 100 steuern kann. Entspannung, Sicherheit und Wertschätzung sind unentbehrliche Zutaten für die weibliche Lust. Und diese Grundlagen werden in den vielen Stunden zwischen den Schäferstündchen gelegt.

Das geht ganz einfach: In dem man die kleinen romantischen Momente im Alltag wahrnimmt – oder erschafft. Der Zettel mit einer kurzen Liebesnachricht, den der Liebste in seiner Tasche findet. Ein Strauß Blumen, abends auf dem Heimweg vom Feld mitgebracht, obwohl gar kein Jahrestag ist. Sich regelmäßig zu umarmen und zu sagen, wie gern man sich hat. Und dem anderen durch Zuhören, Ernstnehmen und Mitdenken signalisieren, dass man für ihn da ist.

Während Männer durch Sex entspannen, müssen Frauen meist erst entspannt sein, um Lust auf Sex zu bekommen. Durch den Aufbau einer verlässlichen, wohlwollenden Partnerschaft schafft man eine Entspannung, die keine Duftölmassagen und kein Candlelightdinner der Welt aufwiegen können.

Alles Lecken, Knabbern und Streicheln startet dann auf einer soliden Basis. Damit stehen die Karten gut, dass nicht nur er zum Abschuss kommt, sondern auch ihre Erregung intensiver wird. So fühlt sich der Sex feuriger an und auch ihr Weg zum Orgasmus wird kürzer reizvoller.

Liebe Jungs, ich hab Euch dabei nicht vergessen! Abgesehen davon, dass ein Vorspiel einfach Spaß machen und einander näherbringen kann, brauchen es auch Männer manchmal einfach. Wenn ‘er’ nicht hart genug zum Penetrieren ist, kann ein guter Blowjob Wunder wirken.

Zählt das schon als Sex, oder noch als Vorspiel? Das ist Definitionssache und eigentlich egal, wenn es nur beiden Freude macht. Es soll sogar Frauen geben, die beim Blasen feucht werden 😉 Ebenso kenne ich Männer, bei denen ein weicher, sinnlicher Kuss die ultimative Geheimwaffe in Sachen Erektion ist.

Ist das Vorspiel jetzt Pflicht oder Kür? – Die Warheit liegt wohl irgendwo dazwischen.

Seit der Frauenbewegung der 70er Jahre bekommen Männer immer wieder um die Ohren gehauen, wie primitiv ihr zielgerichtetes Sexualverhalten ist. Rein, raus, aus die Maus. Ihnen ginge es nur ums harte Vögeln, ums Abspritzen, die schnelle Nummer. Die Frau ist dabei Mittel zum Zweck und hat hinzuhalten.

Für die Frau, das zarte Wesen, entstand daraufhin ein eigener Industriezweig aus Duftkerzen, Massageölen und Satinbettwäsche. Ein CD-Turm mit der kompletten Kuschelrock-Sammlung signalisierte: Baby, ich bin der geborene Lover.

Dieses medial gefeierte Bild von Romantik und Verführung ist ziemlich schwarz-weiß und zog eine klare Grenze zwischen “anständigem” und “unanständigem” Verhalten. Und prägte damit beide Geschlechter in ihrem Selbst- und Fremdbild nachhaltig. Der Mann wird in erster Linie als hormongesteuerter Triebtäter gesehen, der mit etwas Glück von einfühlsamen Frauen und Societymagazinen zum räucherstäbchenwedelnden Kuschelhelden umerzogen wird.

Eine Frau, die einfach nur geil bestiegen und zugeritten werden will? Muss entweder Pornodarstellerin oder Schlampe sein. Was im Umkehrschluss bedeutet: Als Frau harten Sex zu wollen ist falsch. Das darf ich nicht geil finden. Damit unterwerfe ich mich dem Mann – und wofür haben dann all die Feministinnen der vergangenen Jahrzehnte gekämpft?

Und schon bestimmt wieder die Gesellschaft darüber, was Frauen und Männer zu denken und zu fühlen haben. 

Stattdessen sollten wir endlich die Vielfalt anerkennen, die Sex uns bietet. Die unglaubliche Bandbreite an Variationen, Süße-, Schärfe- und Härtegraden. Die prächtige Farbpalette an Fantasien und Möglichkeiten. Weil es zwischen Kuschelsex und Harcorepraktiken noch so viel mehr zu entdecken gibt. Und wir jedes Mal neu entscheiden können, auf welche Geschmacksrichtung wir heute Appetit haben.

Mit Claudia bin ich an diesem Nachmittag auf keinen grünen Zweig gekommen. Aber es war einmal mehr eine Übung, zu dem zu stehen, was ich mag. Zum Beispiel einfach mal fest gef*ckt werden – ohne dass man vorher nach meiner Meinung fragt. Und beim nächsten Mal mit weichen Händen und einer kundigen Zunge zwischen den Beinen nur ganz langsam auf Betriebstemperatur gebracht zu werden. Weil wir die Vielfalt feiern und genießen.

Und Du? Vorspiel oder nicht? Mal mit, mal ohne? Verläuft es bei Dir immer gleich? Und gibt es etwas, das Du mal ausprobieren magst? Verrate es mir im Kommentar!


Foto von Matheus Ferrero über unsplash.com